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Johannes M. Becker:

Die alten Politik-Strickmuster sind untauglich!


Nun wird also gebombt. Und die US-Regierung erklärt ihrer Bevölkerung, damit den Terror stoppen zu können. 40 Milliarden US-$, das entspricht knapp den jährlichen Ausgaben der gesamten Erde für Entwicklungshilfe (!), hat der US-Senat für den "Krieg gegen das Böse auf der Welt" (Bush) zur Verfügung gestellt. Gleichzeitig wird in den Medien das quantitative Ausmaß der weltweit gewaltbereiten Kreise deutlich, nachdem in den USA schon die Verletzbarkeit unserer hochorganisierten Gesellschaften sichtbar geworden ist. Wie soll da das Bomben ein Problem lösen?
Abgesehen davon, dass bis heute keinerlei Beweise gegen den oder die Hintermänner oder -frauen der grauenhaften Anschläge vorliegen: Bomben, Krieg, Hass und nationale Hysterie werden die Gewaltbereitschaft nur weiter steigern.
Einfache, billige und rasche Lösungen gibt es nicht. Wie auch? Zu lange haben die reichen Länder der Erde die Verarmung eines stets wachsenden Teils der Erde hingenommen, gar forciert. Vielleicht aber löst das Grauen von New York und Washington auch strategisches Denken aus: Die einzige Lösung des Problems "internationaler Terrorismus" scheint zu liegen in der Zurkenntnisnahme seiner Ursachen sowie seines sozialen Umfeldes und in der Austrocknung dieses Umfeldes, d.h. in der Bekämpfung sozialer Mißstände.
Nehmen wir nur ein Beispiel: Gerne zeigen unsere Medien in den vergangenen Wochen Bilder zu extremer Gewalt bereiter Jugendlichen aus Palästina. Warum diese sich als "lebende Bomben" zur Verfügung stellen, bleibt dabei, von absurden religiös-spiritistischen Erklärungen abgesehen, im Unklaren. In der alltäglichen Realität sind die Lebensverhältnisse palästinensischer Jugendlicher bestimmt von Verelendung, Perspektivlosigkeit, Angst und Armut, von enormen Mißständen in der Gesundheits-, Bildungs- und Ausbildungsversorgung. Sie sind zudem - vielleicht das Schlimmste - bestimmt von der alltäglichen Demütigung ihrer Eltern. Der Staat Israel seinerseits betreibt und deckt die Siedlungspolitik auf palästinensischem Gebiet, er okkupiert weiter die seit 1967 besetzten Gebiete, er regiert täglich willkürlich in das Leben von Millionen Palästinensern hinein. Da ist der Nährboden für den Hass und die "lebenden Bomben"! Wie soll die Regierung Arafat im eigenen Lager glaubwürdig sein, wie soll sie auf Kreise, die in erster Linie ihre grauenvollen Lebensverhältnisse bis zum Terror radikalisiert haben, Einfluß nehmen können, wenn ihre Verhandlungspartner von Frieden reden, aber Krieg praktizieren? Und: Die Lebensverhältnisse in Palästina unterscheiden sich nur wenig von denen in den Elendsvierteln von Mexiko-City, von Algier, von Islamabad, von Kabul, von Johannesburg....
Fazit: Erniedrigung, Demütigung und Gewalt provozieren in sich neue Gewalt. Eine wirkliche Chance in der aktuellen Lage sehe ich nur, wenn wir dem Terror den sozialen Boden entziehen.

PD Dr. Johannes M. Becker lehrt Politikwissenschaften an der Philipps-Universität Marburg .

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